Gemeinschaft mit der Welt

Der Weg, den wir gehen müssen, um zur Gemeinschaft mit der Welt zu kommen, führt nicht nach außen, sondern nach innen. Es muss uns endlich wieder einfallen, dass wir ja nicht bloß Stücke der Welt wahrnehmen, sondern dass wir selbst ein Stück Welt sind. Wer die Blume ganz erfassen könnte, hätte die Welt erfasst. Nun denn: kehren wir ganz in uns selbst zurück, dann haben wir das Weltall leibhaftig gefunden.

Gustav Landauer in „Skepsis und Mystik

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Nur ein Gott

Wer die Kunst und die Macht hätte, dass er die Zeit und alles, was in sechstausend Jahren je geschah oder noch geschehen wird bis an das Ende der Welt: wenn einer das heranziehen könnte in ein gegenwärtiges Nu, das wäre Vollendung der Zeit. Das ist das Nu der Ewigkeit, wo die Seele alle Dinge in Gott erkennt, so neu und so frisch und in derselben Lust, wie ich sie jetzt gegenwärtig habe. Die mindeste Kraft in meiner Seele ist weiter als der weite Himmel. Ich sehe ab von der Vernunft, in der ist Weite über Weite, in der bin ich so nahe dem Ort, der tausend Meilen weg ist, als dem Ort, worin ich jetzt stehe. Die Meister sagen, die Menge der Engel sei ohne Zahl, ihre Zahl könne nicht begriffen werden. Wer aber ohne Zahl und ohne Menge unterscheiden könnte, dem wäre hundert wie eins. Wären gleich hundert Personen in der Gottheit, so erkennte er doch, dass nur ein Gott ist.

Gott und Kreatur und Trost

Mein Herz und meine Liebe schreibt das Gutsein, das Gottes Eigentum ist, der Kreatur zu. Ich kehre mich der Kreatur zu, aus deren Natur, ihrer Natur gemäß, Untrost kommt. Uch ich kehre mich von Gott ab, von dem alles Trost ausfließt. Was wunders ist es dann, dass ich in Leid gerate und traurig bin? Wahrhaftig, es ist Gott und all dieser Welt fürwahr unmöglich, dass ein solcher Mensch, der bei den Kreaturen Trost sucht, wahren Trost finde. Wer aber in der Kreatur allein Gott liebte und die Kreatur allein in Gott, der fände wahren, gehörigen und steten Trost überall.

Meister Eckhart

Die Welt in uns finden

Die wirkende Natur, die „natura naturans“ des Goethemeisters Spinoza, der sie von den Mystikern und Realisten des Mittelalters übernommen hat. Immer wieder stoßen wir auf diesen Hinweis, dass man Gott werden, dass man, anstatt die Welt zu erkennen, die Welt selbst werden oder sein kann. Es ist die tiefste Umdeutung vielleicht der  Christuslegende, vielleicht auch die tiefste Bedeutung dessen, was Jesus selbst gelehrt hat, wenn Meister Eckhart den Gott, der zugleich Menschenkind ist, zu uns sprechen läßt: „Ich bin euch Mensch gewesen, wenn ihr mir nicht Götter seid, so tut ihr mir Unrecht.“ Sehen wir zu, wie wir Götter werden, wie wir die Welt in uns finden können.

Gustav Landauer (1870 – 1919) in „Skepsis und Mystik“

Eckhart lesen

Ich habe Freunde, die lesen, ehe sie einschlafen, Meister Eckhart. Und das ist in der Tat eine empfehlenswerte Art der Lektüre. Man kann nämlich nicht viele Stunden
hintereinander Meister Eckhart lesen. Aber zehn Minuten, eine Viertelstunde pro Tag Meister Eckhart zu lesen, führt einen in einen Welt, die die gegenwärtige Welt, die wir
erfahren, die die Welt, die um uns herum ist, verwandelt und veredelt. Diese Begegnung mit Gott, auf die Meister Eckhart ja hinzielt und die ihm selbst in seinem Leben vielleicht ein einziges Mal geschenkt war, ist etwas, um das sich jeder Mensch bemühen sollte, weil er damit eine ziemlich miserable Welt hinter sich lassen, diese Welt transzendieren kann. Das ist eine denkerische Anstrengung, aber das Denken zu einem Erlebnis zu machen, das kann man an Meister Eckhart lernen.

Prof. Dr. Wolfgang Frühwald im Gespräch mit Dr. Walter Flemmer in der Sendung „Stationen der Literatur: Meister Eckhart“ vom 09.04.2005