Licht, das Gott selber ist

Wo sieht man Gott? Wo nicht Gestern noch Morgen ist, wo ein Heute ist und ein Jetzt, da sieht man Gott. Was ist Gott? Ein Meister spricht: Wenn das notwendig sein muss, dass ich von Gott rede, so sage ich, dass Gottes etwas ist, was kein Sinn begreifen oder erlangen kann: sonst weiss ich nichts von ihm. Ein anderer Meister sagt: Wer das von Gott erkennt, dass er unbekannt ist, der erkennt Gott. Wenn ich in Paris predige, so sage ich und darf es wohl sagen: alle hier in Paris können mit all ihrer Wissenschaft nicht begreifen, was Gott in der geringsten Kreatur, auch nur in einer Mücke, ist. Aber ich sage jetzt: die ganze Welt kann es nicht begreifen. Alles was man von Gott denken kann, das ist Gott ganz und gar nicht. Was Gott an sich selbst ist, dazu kann niemand kommen, der nicht in ein Licht entrückt wird, das Gott selbst ist. Was Gott den Engeln ist, das ist gar fern und niemand weiss es. Was Gott in einer gott liebenden Seele ist, das weiss niemand als die Seele, in der er ist. Was Gott in diesen niedern Dingen ist, das weiss ich ein wenig, aber sehr schwach. Wo Gott in der Erkenntnis wohnt, da fällt alle natürliche Sinnlichkeit ab. Dass wir so in ein Licht entrückt werden, das Gott selber ist, um darin in Ewigkeit selig zu sein, das walte Gott, Amen.

Meister Eckhart

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Kein Eintreten im Zugang

Unter dem Licht des Himmels verstehen wir das Licht, das Gott ist, das keines Menschen Sinn zu erreichen vermag. Daher spricht Sankt Paulus: »Gott wohnt in einem Lichte, zu dem niemand zu gelangen vermag« (Tim. 6, 16). Er sagt: »Gott ist ein Licht, zu dem so es keinen Zugang gibt.« Zu Gott gibt es keinen Zugang. Wer noch im Aufgang und Zunehmen an Gnade und Licht begriffen ist, der kam noch nie in Gott. Gott ist kein zunehmendes Licht: wohl aber muß man durch Zunehmen zu ihm hingekommen sein. Im Zunehmen (an sich) sieht man Gott nicht. Soll Gott gesehen werden, so muß es in einem Lichte geschehen, das Gott selbst ist. Ein Meister sagt: In Gott gibt es kein Weniger und Mehr noch dies und das. Solange wir uns im Zugang befinden, kommen wir nicht hinein.

Meister Eckhart