Seinsnähe

Der Zustand der Seinsnähe (…) veranlaßte mich, in allem, was mir begegnete, etwas Bestimmtes zu suchen. So war es nicht verwunderlich, daß es Meister Eckehart war, der mich im Innersten traf. Ich konnte mich nicht mehr von seinen Predigten und Traktaten losreißen, die ich aufnahm wie einen vielfältigen Widerhall der göttlichen Musik, die ich vernommen hatte. Ich erkannte in Eckehart meinen Meister, den Meister. … Ich bin im wissenschaftlichen Sinn kein Fachmann für Eckehart und auch kein Theologe. Man kann sich „meinem“ Meister nur nähern, wenn man das Denken in Begriffen ausschaltet. Welch ein Hauch geht von allem aus, was er sagt! Diese unglaubliche Einfachheit, mit der er von Gott spricht, die Beispiele, die er gibt, die Probleme, die er aufwirft … Es liegt eine eigenartige Atmosphäre des Essentiellen, des Wirklichen im Schweigen des überweltlichen in seinen Gedanken, hörbar nur für jene, die Ohren haben, zu hören… Sie wissen, dass Eckehart verfolgt wurde, dass er als Häretiker verdammt wurde, und er wird auch heute nicht voll verstanden und anerkannt.

Karlfried Graf Dürckheim  (1896 – 1988) in: Der Weg, die Wahrheit, das Leben.  Erfahrungen auf dem Weg zur Selbsterfahrung. Gespräche über das Sein mit Alphonse Goettmann. München 1981

Von Abgeschiedenheit – optisch

„Hochmetaphysisch“

Eckhart ist sehr häufig hochmetaphysisch, und man fragt sich verwundert, wie seine Zuhörerschaft seine Predigten aufnahm – eine Zuhörerschaft, von der man annimmt, dass sie recht ungelehrt war, des Lateinischen ebenso unkundig wie all der lateinisch geschriebenen Theologien. Das hier vorliegende Problem des Seins und Gottes, der die Welt aus dem Nichts schafft, muss sie doch heftig in Verlegenheit gebracht haben. Selbst die Gelehrten mögen festgestellt haben, dass Eckhart über ihr Begreifen hinausging, zumal wir wissen, dass sie mit Erfahrungen, wie Eckhart sie hatte, nicht gerade gesegnet waren. Denken allein oder logisches Folgern wird Probleme von tiefer religiöser Bedeutung niemals erfolgreich lösen können.

Eckharts Erfahrungen wurzeln tief in der grundlegenden, überwältigenden Erfahrung Gottes als Sein, das Sein und Nicht-Sein zugleich ist: er sieht im „geringsten“ Ding unter Gottes Geschöpfen alle Herrlichkeit seiner Ist-heit.

D.T. Suzuki in „Der westliche und östliche Weg“