Höchste Vollendung

O Wunder über Wunder, wenn ich an die Vereinigung denke, die die Seele mit Gott hat! Er macht die Seele wonnefreudig, aus sich selbst zu fliessen, denn alle genannten Dinge genügen ihr nicht. Und da sie selbst eine genannte Natur ist, darum genügt sie sich selbst nicht. Der göttliche Liebesquell fliesst auf die Seele und zieht sie aus sich selbst in das ungenannte Wesen in ihren ersten Ursprung, der Gott allein ist. Obwohl ihm die Kreatur Namen gegeben hat, so ist er doch an sich selbst ein ungenanntes Wesen. So kommt die Seele in ihre höchste Vollendung.

Meister Eckhart

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Gott und Kreatur und Trost

Mein Herz und meine Liebe schreibt das Gutsein, das Gottes Eigentum ist, der Kreatur zu. Ich kehre mich der Kreatur zu, aus deren Natur, ihrer Natur gemäß, Untrost kommt. Uch ich kehre mich von Gott ab, von dem alles Trost ausfließt. Was wunders ist es dann, dass ich in Leid gerate und traurig bin? Wahrhaftig, es ist Gott und all dieser Welt fürwahr unmöglich, dass ein solcher Mensch, der bei den Kreaturen Trost sucht, wahren Trost finde. Wer aber in der Kreatur allein Gott liebte und die Kreatur allein in Gott, der fände wahren, gehörigen und steten Trost überall.

Meister Eckhart

Die Welt in uns finden

Die wirkende Natur, die „natura naturans“ des Goethemeisters Spinoza, der sie von den Mystikern und Realisten des Mittelalters übernommen hat. Immer wieder stoßen wir auf diesen Hinweis, dass man Gott werden, dass man, anstatt die Welt zu erkennen, die Welt selbst werden oder sein kann. Es ist die tiefste Umdeutung vielleicht der  Christuslegende, vielleicht auch die tiefste Bedeutung dessen, was Jesus selbst gelehrt hat, wenn Meister Eckhart den Gott, der zugleich Menschenkind ist, zu uns sprechen läßt: „Ich bin euch Mensch gewesen, wenn ihr mir nicht Götter seid, so tut ihr mir Unrecht.“ Sehen wir zu, wie wir Götter werden, wie wir die Welt in uns finden können.

Gustav Landauer (1870 – 1919) in „Skepsis und Mystik“

Nicht in Worte fassen

Zerginge das Feuer, so wäre kein Licht; zerginge die Erde, so wäre kein Leben; zerginge die Luft, so wäre keine Liebe; zerginge das Wasser, so wäre kein Raum. Darum ist Gott nicht Licht noch Leben noch Liebe noch Natur noch Geist noch Schein noch alles, was man in Worte fassen kann.

Eckhart und die Begine Marguerite Porete

Die Höhe der Spiritualität, die Lauterkeit des Charakters sowie das Schicksal der Häresieanklage und -verurteilung verbinden die Porete mit Meister Eckhart, wenngleich diesem, der eine Rechtfertigungsschrift verfasste, das Todesurteil erspart blieb. Kurt Ruhs These, dass Eckhart von Margaretes Leben und Werk bei einem seiner Pariser Aufenthalte erfahren habe – er war der Nachbar des Generalinquisitors Wilhelm von Paris -, besitzt große Wahrscheinlichkeit. Danach hätte  Eckhart den kühnen Aussagen der Beginenmystik eine theologische Absicherung zu geben versucht. Meister Eckhart wird bei der Verteidigung seiner Behauptung, dass Gott und die mit ihm vereinigte Seele im Wesen eins sind, die Unterscheidung von Natur und Gnade deutlicher hervorheben: Gott ist Sein von Natur, während die Seele am Sein Gottes aus Gnade teilhat. Der Verdacht des Pantheismus wird ihn dennoch treffen wie Margarete Porete.

In: Der Berg der Liebe. Europäische Frauenmystik. Herausgegeben und eingeleitet von Helga Unger. Freiburg/Basel/Wien 1991, S. 140

Widerspiegeln

Ich nimm ein Becken mit Wasser und lege darin einen Spiegel und setze es unter das Rad der Sonnen. Die Sonne wirft aus ihren lichten Schein in den Spiegel und vergehet doch nicht. Das Widerspiegeln des Spiegels in der Sonne ist Sonne in der Sonne, und der Spiegel ist doch das er ist. Also ist es um Gott. Gott ist in der Seele mit seiner Natur und seinem Wesen und seiner Gottheit, und er ist doch nicht die Seele. Das Widerspielen der Seele in Gott ist Gott in Gott und die Seele ist doch das sie ist.

Meister Eckhart