Nie Zeit oder Raum

Wenn sich der Mensch von sich selbst und von allen geschaffenen Dingen abkehrt, so weit du das tust, so weit wirst du geeint und beseeligt in dem Fünklein der Seele, das nie Zeit oder Raum berührt hat.

Meister Eckhart

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In dem Einen sich selbst gleich

Ich überlegte mir einst (es ist noch nicht lange her): dass ich ein Mensch bin, das ist auch einem andern Menschen mit mir gemein; dass ich sehe und höre und esse und trinke, das tut auch ein anderes Tier; aber dass ich bin, das ist keines Menschen sonst als allein mein, weder eines Menschen noch eines Engels noch Gottes, außer sofern ich eins mit ihm bin. Alles, was Gott wirkt, das wirkt er in dem Einen sich selbst gleich, und doch ist es in den Werken einander gar ungleich.

Meister Eckhart

Dinge, die uns hindern

Drei Dinge sind es, die uns daran hindern, das ewige Wort zu hören. Das erste ist Stofflichkeit, das zweite Mannigfaltigkeit, und das dritte ist Zeitlichkeit. Wäre der Mensch über diese drei Dinge hinausgeschritten, dann wohnte er in der Ewigkeit und im Geiste und in der Einheit und in der Wüste, und dort hörte er das ewige Wort. Nun spricht unser Herr: „Niemand hört mein Wort noch meine Lehre, er habe denn sich selbst gelassen.“ Denn wer Gottes Wort hören will, der muss völlig gelassen sein. Das, was da hört und das, was da gehört wird im ewigen Wort, das ist ein und dasselbe.

Meister Eckhart

In der Nähe

Der Mensch soll ich in keiner Weise je als fern von Gott ansehen, weder wegen eines Leidens noch wegen einer Schwäche noch wegen irgendetwas sonst. Und wenn dich auch je deine großen Vergehen so weit abtreiben mögen, dass du dich nicht als Gott nahe ansehen könntest, so solltest du doch Gott als dir nahe annehmen. Denn darin liegt ein großes Übel, dass der Mensch sich Gott in die Ferne rückt; denn ob der Mensch nun in der Ferne oder in der Nähe wandle: Gott geht nimmer in die Ferne, er bleibt beständig in der Nähe.

Meister Eckhart

Verfliessen ins Nichts

Wo die Kreatur endet, da beginnt Gott zu sein. Nun begehrt Gott nichts anderes von dir, als dass du aus dir selbst, in kreatürlicher Weise, hinausgehst, und Gott Gott in dir sein lassest. Das geringste kreatürliche Bild, das sich in dir bildet, ist ebenso gross wie Gott. Warum? Weil es dich eines ganzen Gottes beraubt. Denn wo dies Bild hineingeht, da muss Gott und seine ganze Gottheit weichen. Aber wo dies Bild hinausgeht, da geht Gott hinein. Gott begehrt so gewaltig danach, dass du aus dir selbst, in kreatürlicher Weise, hinausgehst, als ob all seine Seligkeit daran liege. Fürwahr, lieber Mensch, was schadet es dir, dass du Gott gönnest, dass er Gott in dir sei? Geh doch Gott zu lieb aus deinem Selbst heraus, so geht Gott dir zu lieb aus seinem heraus. Wenn diese zwei hinausgehen, was dann zurückbleibt, ist ein einfach Eines. In diesem Einen gebiert der Vater seinen Sohn in dem innersten Brunnen. Da erblühet der heilige Geist und da entspringt in Gott ein Wille, der der Seele zugehört. Und solange der Wille unberührt von allen Kreaturen und von aller Erschaffenheit steht, so lange ist der Wille frei. Christus spricht: „Niemand kommt in den Himmel, als wer vom Himmel gekommen ist“ Alle Dinge sind aus Nichts erschaffen, darum ist ihr eigentlicher Ursprung Nichts. Insofern sich dieser edle Wille zu den Kreaturen neigt, so verfliesst er mit diesen Kreaturen in ihr Nichts.

Meister Eckhart

Vertrauen, Wissen, Sicherheit

Wahre und vollkommene Liebe soll man daran erkennen, ob man große Hoffnung und Zuversicht zu Gott hat; denn es gibt nichts, woran man besser erkennen kann, ob man ganze Liebe hat, als Vertrauen.

Denn wenn einer den anderen innig und vollkommen liebt, so schafft das Vertrauen; denn alles, worauf man bei Gott zu vertrauen wagt, das findet man wahrhaft in ihm und tausendmal mehr. Und wie ein Mensch Gott nie zu sehr lieb haben kann, so könnte ihm auch nie ein Mensch zu viel vertrauen. Alles, was man sonst auch tun mag, ist nicht so förderlich wie großes Vertrauen zu Gott.

Bei allen, die je große Zuversicht zu ihm gewannen, unterließ er es nie, große Dinge mit ihnen zu wirken. An allen diesen Menschen hat er ganz deutlich gemacht, dass dieses Vertrauen aus der Liebe kommt; denn die Liebe hat nicht nur Vertrauen, sondern sie besitzt auch ein wahres Wissen und eine zweifelsfreie Sicherheit.

Meister Eckhart

Zu Gott gekehrt

Der Grund, an dem es liegt, dass des Menschen Wesen und Seinsgrund, von dem des Menschen Werke ihre Gutheit beziehen, völlig gut sei, ist dies: dass des Menschen Gemüt gänzlich zu Gott gekehrt sei. Darauf setze all dein Bemühen, dass dir Gott groß werde und dass all dein Streben und Fleiß ihm zugewandt sei in allem deinem Tun und Lassen. Wahrlich, je mehr du davon hast, desto besser sind alle deine Werke, welcher Art sie auch sein mögen. Hafte Gott an, so hängt er dir alles Gutsein an. Suche Gott, so findest du Gott und alles Gute dazu. Ja, fürwahr, du könntest in solcher Gesinnung auf einen Stein treten, und es wäre in höherem Grade ein gottgefälliges Werk, als wenn du den Leib unseres Herrn empfingest und es dabei mehr auf das Deinige abgesehen hättest und deine Absicht weniger selbstlos wäre. Wer Gott anhaftet, dem haftet Gott an und alle Tugend. Und was zuvor du suchtest, das sucht nun dich; Wem zuvor du nachjagtest, das jagt nun dir nach; und was zuvor du fliehen mochtest, das flieht nun dich. Darum: wer Gott anhaftet, dem haftet alles an, was göttlich ist, und den flieht alles, was Gott ungleich und fremd ist.

Meister Eckhart