Untersagen des Aussagens

Ein Meister sagt: Eins ist ein untersagendes Aussagen. Sage ich: Gott ist gut, da wird etwas beigelegt. Eins ist ein untersagendes Aussagen und ein wehrendes Begehren. Was meint Eins? Etwas, dem nichts beigelegt wird. Die Seele nimmt die Gottheit, wie sie in ihr geläutert ist, wo nichts beigelegt wird, wo nichts gedacht wird. Eins ist Untersagen des  Aussagens. Alle Kreaturen haben irgend ein Untersagen in sich; die eine sagt aus, dass es die andre nicht sei; ein Engel sagt aus, dass er nicht eine andere Kreatur sei. Aber Gott hat ein Untersagen alles Aussagens, er ist Eins und untersagt alles andere; denn nichts ist ausser Gott. Alle Kreaturen sind in Gott und sind die Gottheit seiner selbst und wollen ihn ausfüllen. Er ist ein Vater aller Gottheit. Darum eine Gottheit, weil nichts ausfliesst, und nirgends etwas daran rührt, und kein Wort gedacht wird. Damit, dass ich von Gott etwas aussage (sage ich von Gott Güte aus, so kann ich Gott nicht aussagen), damit dass ich von Gott etwas aussage, verstehe ich etwas unter ihm, was er nicht ist; eben das muss hinab. Gott ist Eins, er ist ein Untersagen des Aussagens.

Meister Eckhart

Seinsnähe

Der Zustand der Seinsnähe (…) veranlaßte mich, in allem, was mir begegnete, etwas Bestimmtes zu suchen. So war es nicht verwunderlich, daß es Meister Eckehart war, der mich im Innersten traf. Ich konnte mich nicht mehr von seinen Predigten und Traktaten losreißen, die ich aufnahm wie einen vielfältigen Widerhall der göttlichen Musik, die ich vernommen hatte. Ich erkannte in Eckehart meinen Meister, den Meister. … Ich bin im wissenschaftlichen Sinn kein Fachmann für Eckehart und auch kein Theologe. Man kann sich „meinem“ Meister nur nähern, wenn man das Denken in Begriffen ausschaltet. Welch ein Hauch geht von allem aus, was er sagt! Diese unglaubliche Einfachheit, mit der er von Gott spricht, die Beispiele, die er gibt, die Probleme, die er aufwirft … Es liegt eine eigenartige Atmosphäre des Essentiellen, des Wirklichen im Schweigen des überweltlichen in seinen Gedanken, hörbar nur für jene, die Ohren haben, zu hören… Sie wissen, dass Eckehart verfolgt wurde, dass er als Häretiker verdammt wurde, und er wird auch heute nicht voll verstanden und anerkannt.

Karlfried Graf Dürckheim  (1896 – 1988) in: Der Weg, die Wahrheit, das Leben.  Erfahrungen auf dem Weg zur Selbsterfahrung. Gespräche über das Sein mit Alphonse Goettmann. München 1981