Erneuerung

Die Seele befällt Erneuerung, insofern sie Seele heisst, denn sie heisst darum Seele, weil sie dem Körper Leben gibt und eine Form des Körpers ist. Sie wird auch von der Erneuerung betroffen, insofern sie Geist heisst. Darum heisst sie ein Geist, weil sie von hier und von jetzt und von aller Natürlichkeit abgeschieden ist. Aber insofern sie ein Bild Gottes ist und namenlos wie Gott, da tritt keine Erneuerung an sie heran, sondern allein Ewigkeit, wie in Gott.

Meister Eckhart

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Stille Wüste

Ich sage in guter Wahrheit: dieses Licht begnügt sich nicht mit dem einfachen stillstehenden göttlichen Wesen, das weder gibt noch nimmt, sondern es will wissen, woher dieses Wesen kommt, es will in den einfachen Grund, in die stille Wüste, wohin nie etwas Unterschiedenes, weder Vater noch Sohn noch heiliger Geist, gedrungen ist.
In dem Innigsten, wo niemand heimisch ist, da begnügt es sich in einem Lichte, und da ist es einiger als in sich selbst; denn dieser Grund ist eine einfache Stille, die in sich selbst unbeweglich ist, und Beweglichkeit werden bewegt und da empfangen ihr ganzes Leben alle Dinge, die vernünftig leben und sich in sich selbst versenkt haben.

Meister Eckhart

Nicht

Der Urgrund des Alls, über alles hinaus, was Schöpfung heißt, kann nicht Stoff sein, nicht Geist, nicht Wesen, nicht Leben, nicht Bewusstsein;

nicht Körper, Figur, Form, Bild, Idee, Qualität oder Quantität oder Masse;

Er kann nicht an einem Orte mehr sein als an einem anderen, kann also nicht konturenhaft gesehen oder überhaupt durch abgrenzende Sinne oder Gedanken erfasst werden;

also kann Er auch weder Sinne erregen noch durch Sinne erregt werden, kann überhaupt nicht gestört werden, entzieht sich jeder Ordnung oder Unordnung und schon gar jedem Verstricktsein in materielle Unterscheidungen.

Kein Zufall und keine Beziehung und kein Misslingen kann Ihn je betreffen oder gar Seine Allmacht beschränken, ebenso wenig wie ein Mangel an Licht – und keine Veränderung oder Wandlung oder Entwertung, keine Vernichtung, keine Teilung, keine Entbehrung, kein Abströmen oder was sonst noch dem geschaffenen Bereich der Sinne angehört, hat je bei Ihm Statt.

Dionysius Areopagita (um 500)

Eckhart lesen

Ich habe Freunde, die lesen, ehe sie einschlafen, Meister Eckhart. Und das ist in der Tat eine empfehlenswerte Art der Lektüre. Man kann nämlich nicht viele Stunden
hintereinander Meister Eckhart lesen. Aber zehn Minuten, eine Viertelstunde pro Tag Meister Eckhart zu lesen, führt einen in einen Welt, die die gegenwärtige Welt, die wir
erfahren, die die Welt, die um uns herum ist, verwandelt und veredelt. Diese Begegnung mit Gott, auf die Meister Eckhart ja hinzielt und die ihm selbst in seinem Leben vielleicht ein einziges Mal geschenkt war, ist etwas, um das sich jeder Mensch bemühen sollte, weil er damit eine ziemlich miserable Welt hinter sich lassen, diese Welt transzendieren kann. Das ist eine denkerische Anstrengung, aber das Denken zu einem Erlebnis zu machen, das kann man an Meister Eckhart lernen.

Prof. Dr. Wolfgang Frühwald im Gespräch mit Dr. Walter Flemmer in der Sendung „Stationen der Literatur: Meister Eckhart“ vom 09.04.2005

Nicht in Worte fassen

Zerginge das Feuer, so wäre kein Licht; zerginge die Erde, so wäre kein Leben; zerginge die Luft, so wäre keine Liebe; zerginge das Wasser, so wäre kein Raum. Darum ist Gott nicht Licht noch Leben noch Liebe noch Natur noch Geist noch Schein noch alles, was man in Worte fassen kann.

Spiritualität und Selbst

Jede Spiritualität muss sich befragen lassen, wohin und worauf sie eigentlich zielt. Wie allem Religiösen droht auch der Spiritualität eine gewisse Instrumentalisierung, wenn sie lediglich dazu da ist, dass ich als „Ich“ mein Leben in den Griff bekomme und dadurch besser oder überhaupt wieder funktioniere. Sie wird instrumentalisiert, wenn sie dazu dient, die Selbsterfahrungen auszudehnen, und wenn sie dem konsumistischen Ich einen Mehrwert verschaffen soll. Es ist legitim, dass mein spiritueller Weg mein Selbst im Auge hat, aber er muss zugleich so etwas wie eine Transzendierung leisten. In seinem aufschlussreichen und bewegenden Buch „Egozentrizität und Mystik“ beschreibt Ernst Tugendhat Mystik als den Versuch, Egozentrik zu transzendieren und zu  relativieren.

Jörg Welter, Weg ohne Weg – Zur Aktualität von Meister Eckharts spirituellem Weg. In: Leutwyler/Nägeli, Spiritualität und Wissenschaft. Zürich 2005, S. 168

Vom Nutzen des Lassens

Du musst wissen, dass sich noch nie ein Mensch in diesem Leben so weitgehend gelassen hat, dass er nicht gefunden hätte, er müsse sich noch mehr lassen. Der Menschen gibt es wenige, die das recht beachten und darin beständig sind. Es ist ein gleichwertiger Austausch und ein gerechter Handel: So weit du ausgehst aus allen Dingen, so weit, nicht weniger und nicht mehr, geht Gott ein mit all dem Seinen, dafern du in allen Dingen dich des Deinen völlig entäußerst. Damit heb an, und lass dich dies alles kosten, was du aufzubringen vermagst. Da findest du wahren Frieden und nirgends sonst.

Meister Eckhart