Verfliessen ins Nichts

Wo die Kreatur endet, da beginnt Gott zu sein. Nun begehrt Gott nichts anderes von dir, als dass du aus dir selbst, in kreatürlicher Weise, hinausgehst, und Gott Gott in dir sein lassest. Das geringste kreatürliche Bild, das sich in dir bildet, ist ebenso gross wie Gott. Warum? Weil es dich eines ganzen Gottes beraubt. Denn wo dies Bild hineingeht, da muss Gott und seine ganze Gottheit weichen. Aber wo dies Bild hinausgeht, da geht Gott hinein. Gott begehrt so gewaltig danach, dass du aus dir selbst, in kreatürlicher Weise, hinausgehst, als ob all seine Seligkeit daran liege. Fürwahr, lieber Mensch, was schadet es dir, dass du Gott gönnest, dass er Gott in dir sei? Geh doch Gott zu lieb aus deinem Selbst heraus, so geht Gott dir zu lieb aus seinem heraus. Wenn diese zwei hinausgehen, was dann zurückbleibt, ist ein einfach Eines. In diesem Einen gebiert der Vater seinen Sohn in dem innersten Brunnen. Da erblühet der heilige Geist und da entspringt in Gott ein Wille, der der Seele zugehört. Und solange der Wille unberührt von allen Kreaturen und von aller Erschaffenheit steht, so lange ist der Wille frei. Christus spricht: „Niemand kommt in den Himmel, als wer vom Himmel gekommen ist“ Alle Dinge sind aus Nichts erschaffen, darum ist ihr eigentlicher Ursprung Nichts. Insofern sich dieser edle Wille zu den Kreaturen neigt, so verfliesst er mit diesen Kreaturen in ihr Nichts.

Meister Eckhart

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Nur ein Gott

Wer die Kunst und die Macht hätte, dass er die Zeit und alles, was in sechstausend Jahren je geschah oder noch geschehen wird bis an das Ende der Welt: wenn einer das heranziehen könnte in ein gegenwärtiges Nu, das wäre Vollendung der Zeit. Das ist das Nu der Ewigkeit, wo die Seele alle Dinge in Gott erkennt, so neu und so frisch und in derselben Lust, wie ich sie jetzt gegenwärtig habe. Die mindeste Kraft in meiner Seele ist weiter als der weite Himmel. Ich sehe ab von der Vernunft, in der ist Weite über Weite, in der bin ich so nahe dem Ort, der tausend Meilen weg ist, als dem Ort, worin ich jetzt stehe. Die Meister sagen, die Menge der Engel sei ohne Zahl, ihre Zahl könne nicht begriffen werden. Wer aber ohne Zahl und ohne Menge unterscheiden könnte, dem wäre hundert wie eins. Wären gleich hundert Personen in der Gottheit, so erkennte er doch, dass nur ein Gott ist.

Kein Eintreten im Zugang

Unter dem Licht des Himmels verstehen wir das Licht, das Gott ist, das keines Menschen Sinn zu erreichen vermag. Daher spricht Sankt Paulus: »Gott wohnt in einem Lichte, zu dem niemand zu gelangen vermag« (Tim. 6, 16). Er sagt: »Gott ist ein Licht, zu dem so es keinen Zugang gibt.« Zu Gott gibt es keinen Zugang. Wer noch im Aufgang und Zunehmen an Gnade und Licht begriffen ist, der kam noch nie in Gott. Gott ist kein zunehmendes Licht: wohl aber muß man durch Zunehmen zu ihm hingekommen sein. Im Zunehmen (an sich) sieht man Gott nicht. Soll Gott gesehen werden, so muß es in einem Lichte geschehen, das Gott selbst ist. Ein Meister sagt: In Gott gibt es kein Weniger und Mehr noch dies und das. Solange wir uns im Zugang befinden, kommen wir nicht hinein.

Meister Eckhart