Erneuerung

Die Seele befällt Erneuerung, insofern sie Seele heisst, denn sie heisst darum Seele, weil sie dem Körper Leben gibt und eine Form des Körpers ist. Sie wird auch von der Erneuerung betroffen, insofern sie Geist heisst. Darum heisst sie ein Geist, weil sie von hier und von jetzt und von aller Natürlichkeit abgeschieden ist. Aber insofern sie ein Bild Gottes ist und namenlos wie Gott, da tritt keine Erneuerung an sie heran, sondern allein Ewigkeit, wie in Gott.

Meister Eckhart

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Nicht

Der Urgrund des Alls, über alles hinaus, was Schöpfung heißt, kann nicht Stoff sein, nicht Geist, nicht Wesen, nicht Leben, nicht Bewusstsein;

nicht Körper, Figur, Form, Bild, Idee, Qualität oder Quantität oder Masse;

Er kann nicht an einem Orte mehr sein als an einem anderen, kann also nicht konturenhaft gesehen oder überhaupt durch abgrenzende Sinne oder Gedanken erfasst werden;

also kann Er auch weder Sinne erregen noch durch Sinne erregt werden, kann überhaupt nicht gestört werden, entzieht sich jeder Ordnung oder Unordnung und schon gar jedem Verstricktsein in materielle Unterscheidungen.

Kein Zufall und keine Beziehung und kein Misslingen kann Ihn je betreffen oder gar Seine Allmacht beschränken, ebenso wenig wie ein Mangel an Licht – und keine Veränderung oder Wandlung oder Entwertung, keine Vernichtung, keine Teilung, keine Entbehrung, kein Abströmen oder was sonst noch dem geschaffenen Bereich der Sinne angehört, hat je bei Ihm Statt.

Dionysius Areopagita (um 500)

Einssein nicht Gleichsein

Gott kann ebensowenig Gleichnisse leiden, als er leiden kann, dass er nicht Gott ist. Gleichnis ist das, was nicht an Gott ist. In der Gottheit und in der Ewigkeit ist Einssein, aber Gleichheit ist nicht Einssein. Bin ich eins, so bin ich nicht gleich. Gleichheit ist nicht die Form des Wesens in der Einheit, dieses gibt mir Einssein in der Einheit, nicht Gleichsein.

Meister Eckhart

Erneuerung des Geistes

Nun spricht Sankt Paulus: „Ihr sollt erneuert werden am Geiste.“ Erneuerung befällt alle Kreaturen unter Gott; aber Gott befällt keine Erneuerung, er ist ganz Ewigkeit. Was ist Ewigkeit? Passt auf. Die Eigenheit der Ewigkeit ist, dass Dasein und Jungsein in ihr eins ist, denn die Ewigkeit wäre nicht ewig, wenn sie neu werden könnte und nicht allewege wäre. Nun sage ich: die Seele befällt Erneuerung, insofern sie Seele heisst, denn sie heisst darum Seele, weil sie dem Körper Leben gibt und eine Form des Körpers ist. Sie wird auch von der Erneuerung betroffen, insofern sie Geist heisst. Darum heisst sie ein Geist, weil sie von hier und von jetzt und von aller Natürlichkeit abgeschieden ist. Aber insofern sie ein Bild Gottes ist und namenlos wie Gott, da tritt keine Erneuerung an sie heran, sondern allein Ewigkeit, wie in Gott.

Meister Eckhart

Alle Dinge in Gott

Sankt Dionysius sagt: In Gott begraben werden ist nichts anderes als eine Überfahrt in das ungeschaffene Leben. Die Kraft, in der die Verwandlungen der Seele vor sich gehen, ist ihre Materie, und diese Kraft erkennt die Seele niemals bis auf den Grund, denn es ist Gott, und Gott verwandelt sich nicht: die Seele treibt ihre Verwandlungen in seiner Kraft. Darüber sagt Sankt Dionysius: Gott ist ein Beweger der Seele. Darum ist die Form eine Offenbarung des Wesens. Darüber sagt Sankt Dionysius, Form sei das Etwas des Wesens. Materie ohne Form gibt es nicht. Darum ruht die Seele nimmer, bis sie in Gott kommt, der ihre erste Form ist. Da vereinigt sich die Seele mit Gott, wie die Speise mit dem Menschen: sie wird Auge in den Augen, und Ohr in den Ohren. So wird die Seele Gott in Gott: mit jeder göttlichen Kraft vereinigt sie sich so, wie die Kraft in Gott ist, und Gott vereinigt sich in der Seele so, wie jede Kraft in der Seele ist, und die zwei Naturen fliessen in einem Licht, und die Seele wird allwesend zunichte. Was sie ist, das ist sie in Gott. Die göttlichen Kräfte ziehen sie in sich, ohne hinzusehen, wie die Sonne alle Kreaturen anzieht, ohne hinzusehen. Was Gott für sich selbst ist, das kann niemand begreifen. Gott ist für sich selbst in allen Dingen, Gott ist alle Dinge in allen Dingen und Gott ist jedem Dinge allzumal alle Dinge. So soll die Seele sein. Gott ist keinem Dinge völlig nichts, Gott ist für sich selbst nicht völlig nichts, Gott ist nichts, was man in Worte fassen kann. Hierüber sagt Sankt Dionysius, dass Gott für sich selbst alle Dinge sei, das heisst, dass er die Bilder aller Dinge trägt. Da trägt er sich in ein Nichts: da sind alle Dinge Gott. Als wir nicht waren, da war Gott Hölle und Himmelreich und alle Dinge.

Meister Eckhart