Annäherung an Meister Eckhart

„Meister Eckhart (1260–1328). Mönch und Prior im Predigerkloster,  bedeutender Vertreter der deutschen Mystik“. Kurz und schnörkellos ist der  Hinweis auf ihn. Er liest ihn in einer Broschüre der Erfurter Touristeninformation. Viele hundert Jahre später. Was fanden die Menschen denn eigentlich so beeindruckend an ihm, dem Lesemeister, dem Magister? Was haben sie in seinen Schriften und Predigten gefunden, wenn es ihm selbst um den Seelengrund, den Seelenfunken ging? Dabei hatte er es den Menschen immer wieder gesagt: „Wer weiter nichts als die Kreaturen erkennte, der brauchte an keine Predigt zu denken, denn jegliche Kreatur ist Gottes voll und ist ein Buch.“ Eckhart begibt sich auf Spurensuche nach seiner Wirkung.

Ruhigen Schrittes bewegt sich Eckhart vom Altar aus auf die Tür der Erfurter Predigerkirche zu. Die Tür steht offen. Er tritt heraus und dreht sich nach rechts in die Predigerstraße. „Das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erreicht.” Nach einer Predigt von ihm ist die Tür gestaltet, die zu seiner Erinnerung in Bronze gegossen wurde. Als man vor ein paar Jahren mal wieder an ihn gedacht hatte. Nicht Stolz sondern eher Sorge ist es, die ihn bewegt, wenn er an solches Erinnern denkt. Und es steigen Bilder von Verzweiflung und Hoffnung in ihm auf.

Er „wollte mehr wissen, als nötig war“. So hatte es Papst Johannes XXII. ihm 1329 in die Verdammung von 28 Sätzen geschrieben, die ihn auch nach seinem Tod mundtot machen sollte. Denn erlebt hat er diese Verurteilung nicht mehr, war er doch bereits ein Jahr zuvor verstorben – wahrscheinlich auf dem Weg zum Papst nach Avignon, um sich zu rechtfertigen und seine Lehren zu verteidigen. Und hätten nicht ein paar Mutige seine Lehren übernommen, ohne ihn zu nennen – wäre er dann überhaupt im Gedächtnis geblieben? Doch was war falsch daran, wenn er zum Beispiel sagte: „Jede Unterschiedenheit ist Gott fremd, sowohl in der Natur wie in den Personen…“

Schon zu Lebzeiten hatte es allerdings auch diesen Spottvers über ihn gegeben: „Der weise Mystiker Eckehart, will uns vom Nichtse sagen. Doch wer ihn nicht versteht, der mag es Gotte klagen.“ Dabei hatte er doch einiges hinter sich. 1260 geboren, kam er jung zu den Erfurter Dominikanern, den Mönchen des Predigerordens. Nach Studien in Paris und Köln haben sie ihn dann in Erfurt zum Prior ernannt, wieder und wieder predigt er in Köln, in Straßburg und Paris vor Dominikanerinnen und den Beginen. Er predigte in der Sprache des Volkes, fern vom Kirchenlatein der Universität. Und er predigte um der Wahrheit willen. Das Schicksal von Marguerite Porete, jener Begine, die mit ihrem „Spiegel der einfachen Seelen“ den kirchlichen Zorn auf sich zog, verurteilt und schließlich als Ketzerin verbrannt wurde, blieb ihm allerdings erspart. Dabei hatte sie sich doch auch auf ihn bezogen. Und viel gelernt hatte er von Albertus Magnus, seinem großen Lehrer. Und es entfernte ihn von Thomas von Aquin. Doch letztlich helfen konnte es ihm letztlich nicht.

Denn waren es nicht ausgerechnet zwei Mitbrüder von ihm gewesen, die ihn beim Kölner Erzbischof denunziert hatten? War es erst eine Liste mit 49 Sätzen, erreichte ihn kurze Zeit später eine noch umfangreichere Liste mit 59 Sätzen aus seinen Predigten und Schriften, die beanstandet wurden. Na, er hatte ja immerhin widerrufen – und damit seinen Kopf erst mal aus der Schlinge gezogen. Doch es tat ihm weh, zu sagen: „Ich, Meister Eckhart, Doktor der heiligen Theologie, erkläre, Gott zum Zeugen anrufend, vor allem, dass ich jeglichen Irrtum im Glauben und jede Abirrung im Lebenswandel immer, so viel es mir möglich war, verabscheut habe, da Irrtümer dieser Art meinem akademischen Status und Mönchsstand widerstritten hätten und noch widerstreiten. Aus diesem Grunde widerrufe ich, sofern sich in dieser Hinsicht etwas Irrtümliches finden sollte, was ich geschrieben, gesprochen oder gepredigt hätte, privat oder öffentlich, wo und wann auch immer, unmittelbar oder mittelbar, sei es aus schlechter Einsicht oder verkehrten Sinnes: das widerrufe ich hier öffentlich und vor Euch allen und jeglichem, die gegenwärtig hier versammelt sind, weil ich dieses von nun an als nicht gesagt oder geschrieben betrachtet haben will, besonders aber auch, weil ich vernehme, dass man mich übel verstanden hat: so, als hätte ich gepredigt, mein kleiner Finger habe alles geschaffen.“ Es schmerzte ihn, so reden zu müssen. Und eigentlich doch zu wissen, dass er so falsch nicht lag mit seinem Denken. Meister Eckhart weint. Es ist der Schmerz, der aus der Wahrheit geboren ist, durchlitten in einem Umfeld, das durch und durch andere Werte für sich anerkennt:

„Ich weise darauf hin, meine Reden und Werke sind allein guten und vollkommenen Menschen gewidmet. Die sollen erfahren, dass das Allerbeste und Alleredelste, wozu man in diesem Leben kommen kann, das ist, dass du schweigest und Gott allda wirken und sprechen lässest. Wo alle Kräfte von allen ihren Werken und Bildern abgezogen sind, da wird dies Wort gesprochen.“ Hatte er das nicht immer wieder gesagt? Doch die Verurteilung war eingeschlagen wie eine Bombe, hatte tiefe Narben hinterlassen in der Theologie des Predigerordens. Für lange Zeit.

Bevor er die Predigerkirche verlassen hatte, kam er an einer Stelle vorbei, die durch Absperrband getrennt war. Die Kirche bröckelte. Welch ein Symbol. Es bröckelt in vielen Kirchen, Tempeln, Moscheen, Synagogen – bis heute. Das Dogma hat die Herrschaft über den Geist übernommen. Aus der Perspektive des Dogmas kann man nichts anfangen mit Sätzen wie: „Wenn ich in den Grund, in den Boden, in den Strom und in die Quelle der Gottheit komme, so fragt mich niemand, woher ich komme oder wo ich gewesen sei. Dort hat mich niemand vermisst, so entwird Gott.“

Gedacht hätte ich es nicht, dass hunderte Jahre später Erich Fromm in „Haben oder Sein“ auf mich kommt oder dass Daisetz Teitoro Suzuki in „Der westliche und der Östliche Weg“ gar Brücken zum Zen-Buddhismus schlägt. Und dass ausgerechnet ein deutscher Anarchist wie Gustav Landauer zusammen mit dem jüdischen Philosophen Martin Buber an seine Mystischen Schriften geht. Im Rückblick nahezu unglaublich. So wie Landauer sagt: ein kühner Erschütterer der Hirne wie der Herzen, um Welterkenntnis gerungen, die Grenzen der Sprache als Wissender überschritten. Was für Attribute.

Papst Johannes XXII. ist lange tot, so tot wie viele seiner Nachfolger. Aber es gibt Menschen, die sagen, dass ich lebe. Ihnen und den vielen anderen gilt mein Satz:  „Das Auge, in dem ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge, darin mich Gott sieht; mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge und ein Sehen und ein Erkennen und ein Lieben.“

Werner Anahata Krebber

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Benedikt XVI. trifft Meister Eckhart ..

Nun steht es fest. Papst Benedikt XVI. wird in Erfurt Meister Eckhart treffen, wenn er 2011 Deutschland besucht. In Gedanken, versteht sich. Und er wird eine erstaunliche Erfahrung machen dürfen. Wenn er an ein Wort von Meister Eckhart denkt:

„Ich weise darauf hin, meine Reden und Werke sind allein guten und vollkommenen Menschen gewidmet. Die sollen erfahren, dass das Allerbeste und Alleredelste, wozu man in diesem Leben kommen kann, das ist, dass du schweigest und Gott allda wirken und sprechen lässest. Wo alle Kräfte von allen ihren Werken und Bildern abgezogen sind, da wird dies Wort gesprochen.“

Und dann wird der Papst jenes Dokument aus der Mappe holen lassen, auf das viele Menschen seit Jahrhunderten warten. Rehabilitierung und Heiligsprechung von Meister Eckhart. Nein. Doch nicht. Nicht dieser Papst, nicht diesen Meister Eckhart. Es dürfte besser sein. Sonst wäre Meister Eckhart ein zweites Mal getroffen.

Hier wirkte Meister Eckhart

Tafel am Predigerkloster in Erfurt

Eckhart und die Beginen

Kraftfeld des reformerischen und sozialen Engagements der Beginen ist die sogenannte Beginenmystik: Das soziale und reformerische Wirken der Beginen ist nicht zu denken ohne die Mystik der Beginen. Dies neben ihrer Bedeutung als Frauenbewegung und als Reformbewegung. Doch ich möchte hier einschränken. So breit und vielfältig die Bewegung schon damals angelehnt war, hat es sicher nicht nur Beginen gegeben, die aus tiefer mystischer Haltung handelten. Da wird ganz sicher auch etwas von „normaler“ Volksfrömmigkeit etc. zu finden sein, die die Zuschreibung Mystik eher nicht verdient. Auch der Hinweis „sogenannte“ Beginenmystik macht deutlich wie unterschiedlich hier die jeweiligen Prägungen sind.

Mechthild von Magdeburg war wohl die bedeutendste deutsche Beginenmystikerin. „Das Werk gilt als wichtiges Dokument früher deutscher poetischer Literatur und als Zeugnis einer Frauenmystik, in dem sich erotische, vom Hohenlied Salomos beeinflusste Bildsprache und energische Zeitkritik in einer starken, lauteren Weise vereinen. Die Kraft ihrer Mystik ist es auch, die alle Versuche einer psychoanalytischen Deutung (Verdrängung) ad absurdum führt… ihre erotische Sprache und der reiche Bilderschatz ihrer Phantasie bezeugen die Ganzheitlichkeit der Gotteserfahrung dieser großen Frau“ (Christliche Mystik. Texte aus zwei Jahrtausenden.Hrsg. von Gerhard Ruhbach und Josef Sudbrack, 1989 154).

Irmgard Rech verweist auf die Spannung zwischen Mystik und sozialem Tun mit den Worten: „Selbst dann, wenn Mechthild die Abstraktion der mystischen Wüste zu beschreiben versucht…, vergisst sie die Kranken nicht… Eine mystische Weltflucht existiert bei Mechthild nicht. Die Zuwendung zu den Kranken bleibt.“ Ist Mechthild doch für Rech eine Frau, „die sich niemals in den dünnen Höhen einer schöngeistigen Mystik verliert, sondern geerdet bleibt im urchristlich-jesuanischen Dienst am Notleidenden“.

Hinzuweisen ist hier auch auf die Beginenmystikerin Juliana von Cornillon, auf deren Vision hin 1247 das Fronleichnamsfest eingeführt wurde. Andere Mystikerinnen waren beispielsweise Beatrijs von Nazareth und Hadewijch von Antwerpen in Belgien, Marguerite Poréte in Frankreich, Agnes Blannbekin in Österreich.

An der Begine Marguerite Poréte aus Paris komme ich (hier in Erfurt) natürlich nicht vorbei. Warum. „Man kann sich darüber wundern, dass die Verurteilung der Marguerite Poréte auf Grund von Sätzen, die sich bei Eckhart in ähnlicher Formulierung finden, diesen nicht zur Vorsicht im Ansatz mystisch-spiritueller Aussagen veranlasst hat. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Wenn nicht alles täuscht … wurde Eckhart erst zum mystisch-spekulativen Prediger durch die oben geschilderten dramatischen Ereignisse im 2. Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts. (Verurteilung der Marguerite Poréte, Konzil von Vienne mit seinen ‚Errores’, Straßburger Beginenverfolgungen). In seinem Beitrag „Meister Eckhart und die Spiritualität der Beginen“ geht Kurt Ruh 1982 davon aus, dass der „Liber benedictus“ mit dem „Buch der göttlichen Tröstung“ und dem „Sermon vom edlen Menschen“ – so Ruh – „der positive Reflex von Eckharts Auseinandersetzung mit der Beginenmystik der Marguerite Poréte“ sei.

Später, 1989, wird Ruh dazu ausführen, dass Eckhart den Text des „Spiegel der einfachen Seelen“ von Marguerite Poréte gekannt hat und er entscheidende Aussagen dieses Buches aufgegriffen und ihnen präzisere, theologisch vertretbarere Formulierungen gegeben hat. Letztlich geholfen hat dies beiden nicht.

Marguerite Poréte war 1310 als Häretikerin in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Immer wieder hatte sie es vorher abgelehnt, ihren „Spiegel der einfachen Seelen“, der zu heftiger Kritik bei kirchlichen Stellen geführt hatte, in einzelnen Aussagen zu widerrufen.

Wilhelm von Paris, Großinquisitor, und seinen theologischen Gutachtern war es im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich, dass sich die Seele außerhalb der christlichen Tugenden und der kirchlichen Heilsmittel stellt. Denn es finden sich ständig solche Sätze wie:

„Diese Seele bedarf keiner Tröstungen und keiner Gaben Gottes, noch braucht und muss sie sich darum kümmern, weil sie gänzlich von Gott umhüllt ist, und so ihre Ausrichtung auf Gott hin überstiegen ist.“ Oder:

„Die befreite Seele trachtet nicht nach Gott, weder durch Buße noch durch irgendein Sakrament der Heiligen Kirchen, noch durch Gedanken, Worte und Werke, noch durch ein Geschöpf von hier unten noch durch ein Geschöpf von oben.“

Exkurs: Verfolgung

Das reformerische Wirken wie die Mystik der Beginen haben – wie schon kurz angedeutet – nicht nur Anklang gefunden. Noch 1235 hatte Papst Gregor IX. um Schutz für die Beginen gebeten und ersucht, dass man sie vor unsittlicher Belästigung bewahre. Auch Innozenz IV. ermahnt noch die Bischöfe von Münster und Osnabrück, die Beginen zu schützen. Aber es ist sicher, dass von Anfang an der „status beginarum“, jener außerhalb von kirchlichen Ordnungen stehender eigene Weg, seit Anfang an eher für Befremden und Unruhe als für Wohlwollen sorgte. So wird bereits in der Synode von Eichstätt etwa 1284 darauf gedrungen, dass zwar die ehrbaren und unbescholten lebenden Beginen zu schützen seien. Dagegen solle man gegen die lasterhaften und verdorbenen mit Strenge vorgehen. Um 1300 bereits droht die Bewegung zu kippen. In ihrer Arbeit stellt Gertrud Neumann fest: „ Zu Ausgang des 13. Jahrhunderts liefert das Beginen- und Begardentum der zeitgenössischen, vornehmlich der klerikalen Kritik, neben dem Argument, eine religiös unstabile, gefährdete und untragbare Lebensform zu sein, noch das weitere, dass dieses Leben zu vagierendem Herumtreiben und zu ketzerischer Eigenwilligkeit führe. Dabei wird die Mehrheit der in Selbstbeschränkung lebenden Gemeinschaften dem Verdikt, das wenigen Außenseitern angemessen ist, ohne Unterschied unterworfen.“

So werden 1290 im elsässischen Colmar vom Lektor des Minoritenklosters zwei Beginen und zwei Begarden unter dem Verdacht der Ketzerei festgenommen. Schon 1311 verurteilt das Konzil von Vienne Auffassungen, die von Beginen geäußert wurden.

„Nachdem wir mehrfach über sie solch ungünstigen Urteile und noch andere gehört haben, halten Wir sie mit gutem Recht für verdächtig und glauben, mit Zustimmung des heiligen Konzils, ihre Lebensweise verbieten und vollkommen aus der Kirche Gottes entfernen zu sollen.“ Ausgenommen waren von dem Dekret jene „frommen Frauen, die das Gelübde der Enthaltsamkeit abgelegt oder auch nicht abgelegt haben und ehrsam in ihren Hospizen leben … dass sie weiterhin Buße tun und Gott im Geiste der Demut dienen.“

Das Verbot von Papst Clemens V. saß. Die Inquisition hat dafür gesorgt, dass die Beginen radikal verfolgt wurden. In der Folge dieses Verbotes waren immer mehr Beginen dazu verdammt worden, dass sie entweder ihre Gemeinschaften auflösten oder aber sich – quasi unter Zwang – in Orden einfügten. Dabei war es eine doppelte Gefährdung: Einerseits waren es die immer rigider werdenden Forderungen und Maßnahmen von Kaiser, Kurie und Bischöfen, die darauf drangen eine anerkannte Ordensregel anzunehmen. Andererseits war es die von Anfang an lose Struktur der Bewegung, die zu den Veränderungen führten. Schon Mitte des 14. Jahrhunderts nehmen Beginengemeinschaften beispielsweise die Dritte Regel des Heiligen Franziskus an oder die Augustinerregel, die oft bis heute noch unter dem Namen „Cellitinnen“ gebraucht wird. In Essen beispielsweise war es so, dass der 1342 urkundliche Konvent im „Neuen Hagen“ 1839 auf Verlangen des Erzbischofs in die „Kongregation der barmherzigen Schwestern der heiligen Elisabeth“ übergegangen ist. Die letzte Begine dieses Konventes starb 1884, nachdem sie noch 25 Jahre als Vorsteherin eines Armen- und Waisenhauses tätig gewesen war.

Werner Krebber in:

Die Beginen –  Mystikerinnen der Tat: Geschichte und Aktualität

 

Stark gekürzte und aktualisierte Fassung eines Vortrags am 10.10.2007 in der Begegnungsstätte Kleine Synagoge, Erfurt. Anlass war der 800. Geburtstag der Elisabeth von Thüringen.

Siehe auch:

http://mystikaktuell.wordpress.com/2010/11/21/beginen-mystikerinnen-des-tuns/