„Mit Schmerz tun Wir kund…“

„Fürwahr, mit Schmerz tun Wir kund, daß in dieser Zeit einer aus deutschen Landen, Eckhart mit Namen, und, wie es heißt, Doktor und Professor der Heiligen Schrift, aus dem Orden der Predigerbrüder, mehr wissen wollte als nötig war, und nicht entsprechend der Besonnenheit und nach der Richtschnur des Glaubens, weil er sein Ohr von der Wahrheit abkehrte und sich Erdichtungen zuwandte. Verführt nämlich durch jenen Vater der Lüge, der sich oft in den Engel des Lichtes verwandelt, um das finstere und häßliche Dunkel der Sinne statt des Lichtes der Wahrheit zu verbreiten, hat dieser irregeleitete Mensch, gegen die helleuchtende Wahrheit des Glaubens auf dem Acker der Kirche Dornen und Unkraut hervorbringend und emsig beflissen, schädliche Disteln und giftige Dornsträucher zu erzeugen, zahlreiche Lehrsätze vorgetragen, die den wahren Glauben in vieler Herzen vernebeln, die er hauptsächlich vor dem einfachen Volke in seinen Predigten lehrte und die er auch in Schriften niedergelegt hat.“

So steht es in der Bulle „In agro dominico“ vom 27. März 1329, mit der Papst Johannes XXII. herging und 28 Lehrsätze von Meister Eckhart verurteilte.

Die Dominikaner selbst sagen 1992 im Dokument einer eigens eingesetzten Kommission, „dass eine ‚Rehabilitierung‘ Eckharts im juristischen Sinne sich erübrigt, da Eckhart ja nicht verurteilt wurde“. Klarer noch ist der Straßburger Erzbischofs Josef Doré, der am 31. 3. 2006 sein „Bedauern“ darüber aussprach, „dass gegen Ende von Meister Eckharts Leben das Predigen in der Volkssprache schärfstens verurteilt wurde, als ob das einfache Volk kein Recht darauf hätte, die Botschaft des Evangeliums in einer Sprache zu empfangen, die ihm verständlich ist“. Aus seinem „Bedauern“ leitet er den Aufruf ab: „Möge uns Meister Eckhart durch sein Beispiel dazu anregen, unermüdlich eine Synthese anzustreben zwischen auch noch so anspruchsvoller intellektueller Forschung und ihrer Übersetzung in eine Sprache, die von der großen Mehrheit verstanden wird, eine Synthese zu suchen zwischen solidester Kenntnis, was den Glauben betrifft, und aufmerksamer Führung der Christenheit“.

Mehr dazu hier
http://www.eckhart.de/index.htm?bulle.htm

und hier:

http://www.meister-eckhart.org/meister-eckhart/20-zur-verurteilung-eckharts

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Zu Gott gekehrt

Der Grund, an dem es liegt, dass des Menschen Wesen und Seinsgrund, von dem des Menschen Werke ihre Gutheit beziehen, völlig gut sei, ist dies: dass des Menschen Gemüt gänzlich zu Gott gekehrt sei. Darauf setze all dein Bemühen, dass dir Gott groß werde und dass all dein Streben und Fleiß ihm zugewandt sei in allem deinem Tun und Lassen. Wahrlich, je mehr du davon hast, desto besser sind alle deine Werke, welcher Art sie auch sein mögen. Hafte Gott an, so hängt er dir alles Gutsein an. Suche Gott, so findest du Gott und alles Gute dazu. Ja, fürwahr, du könntest in solcher Gesinnung auf einen Stein treten, und es wäre in höherem Grade ein gottgefälliges Werk, als wenn du den Leib unseres Herrn empfingest und es dabei mehr auf das Deinige abgesehen hättest und deine Absicht weniger selbstlos wäre. Wer Gott anhaftet, dem haftet Gott an und alle Tugend. Und was zuvor du suchtest, das sucht nun dich; Wem zuvor du nachjagtest, das jagt nun dir nach; und was zuvor du fliehen mochtest, das flieht nun dich. Darum: wer Gott anhaftet, dem haftet alles an, was göttlich ist, und den flieht alles, was Gott ungleich und fremd ist.

Meister Eckhart

Gott und Kreatur und Trost

Mein Herz und meine Liebe schreibt das Gutsein, das Gottes Eigentum ist, der Kreatur zu. Ich kehre mich der Kreatur zu, aus deren Natur, ihrer Natur gemäß, Untrost kommt. Uch ich kehre mich von Gott ab, von dem alles Trost ausfließt. Was wunders ist es dann, dass ich in Leid gerate und traurig bin? Wahrhaftig, es ist Gott und all dieser Welt fürwahr unmöglich, dass ein solcher Mensch, der bei den Kreaturen Trost sucht, wahren Trost finde. Wer aber in der Kreatur allein Gott liebte und die Kreatur allein in Gott, der fände wahren, gehörigen und steten Trost überall.

Meister Eckhart

Das Wichtige

Wenn man Eckhart im Rahmen einer religiösen und kulturellen Struktur studiert, dann ist er ohne Zweifel verwirrend; aber uns wird das Wichtige, was er zu sagen hatte, vollkommen entgehen, und wir werden uns in Nebensächlichkeiten verlieren.

Wenn wir ihn jenen Zen-Meistern auf der anderen Seite der Erde gegenüberstellen, die wie er sich absichtlich extrem paradoxer Ausdrücke bedienten, dann werden wir in ihm die gleiche Art von Bewusstsein feststellen.

Was immer Zen sein mag, wie auch immer es definiert wird – irgendwie ist es in Eckhart vorhanden.

Thomas Merton in „Weisheit der Stille. Die Geistigkeit des Zen und ihre Bedeutung für die moderne christliche Welt.“ Bern/München/Wien, 1975, S. 21-22

Hier wirkte Meister Eckhart

Tafel am Predigerkloster in Erfurt

Vom Nichtse

Der weise Mystiker Eckhart

will uns vom Nichtse sagen.

Doch wer ihn nicht versteht,

der mag es Gotte klagen…

Zeitgenössischer Spruch

Eckhart und die Beginen

Kraftfeld des reformerischen und sozialen Engagements der Beginen ist die sogenannte Beginenmystik: Das soziale und reformerische Wirken der Beginen ist nicht zu denken ohne die Mystik der Beginen. Dies neben ihrer Bedeutung als Frauenbewegung und als Reformbewegung. Doch ich möchte hier einschränken. So breit und vielfältig die Bewegung schon damals angelehnt war, hat es sicher nicht nur Beginen gegeben, die aus tiefer mystischer Haltung handelten. Da wird ganz sicher auch etwas von „normaler“ Volksfrömmigkeit etc. zu finden sein, die die Zuschreibung Mystik eher nicht verdient. Auch der Hinweis „sogenannte“ Beginenmystik macht deutlich wie unterschiedlich hier die jeweiligen Prägungen sind.

Mechthild von Magdeburg war wohl die bedeutendste deutsche Beginenmystikerin. „Das Werk gilt als wichtiges Dokument früher deutscher poetischer Literatur und als Zeugnis einer Frauenmystik, in dem sich erotische, vom Hohenlied Salomos beeinflusste Bildsprache und energische Zeitkritik in einer starken, lauteren Weise vereinen. Die Kraft ihrer Mystik ist es auch, die alle Versuche einer psychoanalytischen Deutung (Verdrängung) ad absurdum führt… ihre erotische Sprache und der reiche Bilderschatz ihrer Phantasie bezeugen die Ganzheitlichkeit der Gotteserfahrung dieser großen Frau“ (Christliche Mystik. Texte aus zwei Jahrtausenden.Hrsg. von Gerhard Ruhbach und Josef Sudbrack, 1989 154).

Irmgard Rech verweist auf die Spannung zwischen Mystik und sozialem Tun mit den Worten: „Selbst dann, wenn Mechthild die Abstraktion der mystischen Wüste zu beschreiben versucht…, vergisst sie die Kranken nicht… Eine mystische Weltflucht existiert bei Mechthild nicht. Die Zuwendung zu den Kranken bleibt.“ Ist Mechthild doch für Rech eine Frau, „die sich niemals in den dünnen Höhen einer schöngeistigen Mystik verliert, sondern geerdet bleibt im urchristlich-jesuanischen Dienst am Notleidenden“.

Hinzuweisen ist hier auch auf die Beginenmystikerin Juliana von Cornillon, auf deren Vision hin 1247 das Fronleichnamsfest eingeführt wurde. Andere Mystikerinnen waren beispielsweise Beatrijs von Nazareth und Hadewijch von Antwerpen in Belgien, Marguerite Poréte in Frankreich, Agnes Blannbekin in Österreich.

An der Begine Marguerite Poréte aus Paris komme ich (hier in Erfurt) natürlich nicht vorbei. Warum. „Man kann sich darüber wundern, dass die Verurteilung der Marguerite Poréte auf Grund von Sätzen, die sich bei Eckhart in ähnlicher Formulierung finden, diesen nicht zur Vorsicht im Ansatz mystisch-spiritueller Aussagen veranlasst hat. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Wenn nicht alles täuscht … wurde Eckhart erst zum mystisch-spekulativen Prediger durch die oben geschilderten dramatischen Ereignisse im 2. Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts. (Verurteilung der Marguerite Poréte, Konzil von Vienne mit seinen ‚Errores’, Straßburger Beginenverfolgungen). In seinem Beitrag „Meister Eckhart und die Spiritualität der Beginen“ geht Kurt Ruh 1982 davon aus, dass der „Liber benedictus“ mit dem „Buch der göttlichen Tröstung“ und dem „Sermon vom edlen Menschen“ – so Ruh – „der positive Reflex von Eckharts Auseinandersetzung mit der Beginenmystik der Marguerite Poréte“ sei.

Später, 1989, wird Ruh dazu ausführen, dass Eckhart den Text des „Spiegel der einfachen Seelen“ von Marguerite Poréte gekannt hat und er entscheidende Aussagen dieses Buches aufgegriffen und ihnen präzisere, theologisch vertretbarere Formulierungen gegeben hat. Letztlich geholfen hat dies beiden nicht.

Marguerite Poréte war 1310 als Häretikerin in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Immer wieder hatte sie es vorher abgelehnt, ihren „Spiegel der einfachen Seelen“, der zu heftiger Kritik bei kirchlichen Stellen geführt hatte, in einzelnen Aussagen zu widerrufen.

Wilhelm von Paris, Großinquisitor, und seinen theologischen Gutachtern war es im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich, dass sich die Seele außerhalb der christlichen Tugenden und der kirchlichen Heilsmittel stellt. Denn es finden sich ständig solche Sätze wie:

„Diese Seele bedarf keiner Tröstungen und keiner Gaben Gottes, noch braucht und muss sie sich darum kümmern, weil sie gänzlich von Gott umhüllt ist, und so ihre Ausrichtung auf Gott hin überstiegen ist.“ Oder:

„Die befreite Seele trachtet nicht nach Gott, weder durch Buße noch durch irgendein Sakrament der Heiligen Kirchen, noch durch Gedanken, Worte und Werke, noch durch ein Geschöpf von hier unten noch durch ein Geschöpf von oben.“

Exkurs: Verfolgung

Das reformerische Wirken wie die Mystik der Beginen haben – wie schon kurz angedeutet – nicht nur Anklang gefunden. Noch 1235 hatte Papst Gregor IX. um Schutz für die Beginen gebeten und ersucht, dass man sie vor unsittlicher Belästigung bewahre. Auch Innozenz IV. ermahnt noch die Bischöfe von Münster und Osnabrück, die Beginen zu schützen. Aber es ist sicher, dass von Anfang an der „status beginarum“, jener außerhalb von kirchlichen Ordnungen stehender eigene Weg, seit Anfang an eher für Befremden und Unruhe als für Wohlwollen sorgte. So wird bereits in der Synode von Eichstätt etwa 1284 darauf gedrungen, dass zwar die ehrbaren und unbescholten lebenden Beginen zu schützen seien. Dagegen solle man gegen die lasterhaften und verdorbenen mit Strenge vorgehen. Um 1300 bereits droht die Bewegung zu kippen. In ihrer Arbeit stellt Gertrud Neumann fest: „ Zu Ausgang des 13. Jahrhunderts liefert das Beginen- und Begardentum der zeitgenössischen, vornehmlich der klerikalen Kritik, neben dem Argument, eine religiös unstabile, gefährdete und untragbare Lebensform zu sein, noch das weitere, dass dieses Leben zu vagierendem Herumtreiben und zu ketzerischer Eigenwilligkeit führe. Dabei wird die Mehrheit der in Selbstbeschränkung lebenden Gemeinschaften dem Verdikt, das wenigen Außenseitern angemessen ist, ohne Unterschied unterworfen.“

So werden 1290 im elsässischen Colmar vom Lektor des Minoritenklosters zwei Beginen und zwei Begarden unter dem Verdacht der Ketzerei festgenommen. Schon 1311 verurteilt das Konzil von Vienne Auffassungen, die von Beginen geäußert wurden.

„Nachdem wir mehrfach über sie solch ungünstigen Urteile und noch andere gehört haben, halten Wir sie mit gutem Recht für verdächtig und glauben, mit Zustimmung des heiligen Konzils, ihre Lebensweise verbieten und vollkommen aus der Kirche Gottes entfernen zu sollen.“ Ausgenommen waren von dem Dekret jene „frommen Frauen, die das Gelübde der Enthaltsamkeit abgelegt oder auch nicht abgelegt haben und ehrsam in ihren Hospizen leben … dass sie weiterhin Buße tun und Gott im Geiste der Demut dienen.“

Das Verbot von Papst Clemens V. saß. Die Inquisition hat dafür gesorgt, dass die Beginen radikal verfolgt wurden. In der Folge dieses Verbotes waren immer mehr Beginen dazu verdammt worden, dass sie entweder ihre Gemeinschaften auflösten oder aber sich – quasi unter Zwang – in Orden einfügten. Dabei war es eine doppelte Gefährdung: Einerseits waren es die immer rigider werdenden Forderungen und Maßnahmen von Kaiser, Kurie und Bischöfen, die darauf drangen eine anerkannte Ordensregel anzunehmen. Andererseits war es die von Anfang an lose Struktur der Bewegung, die zu den Veränderungen führten. Schon Mitte des 14. Jahrhunderts nehmen Beginengemeinschaften beispielsweise die Dritte Regel des Heiligen Franziskus an oder die Augustinerregel, die oft bis heute noch unter dem Namen „Cellitinnen“ gebraucht wird. In Essen beispielsweise war es so, dass der 1342 urkundliche Konvent im „Neuen Hagen“ 1839 auf Verlangen des Erzbischofs in die „Kongregation der barmherzigen Schwestern der heiligen Elisabeth“ übergegangen ist. Die letzte Begine dieses Konventes starb 1884, nachdem sie noch 25 Jahre als Vorsteherin eines Armen- und Waisenhauses tätig gewesen war.

Werner Krebber in:

Die Beginen –  Mystikerinnen der Tat: Geschichte und Aktualität

 

Stark gekürzte und aktualisierte Fassung eines Vortrags am 10.10.2007 in der Begegnungsstätte Kleine Synagoge, Erfurt. Anlass war der 800. Geburtstag der Elisabeth von Thüringen.

Siehe auch:

http://mystikaktuell.wordpress.com/2010/11/21/beginen-mystikerinnen-des-tuns/