Nicht

Der Urgrund des Alls, über alles hinaus, was Schöpfung heißt, kann nicht Stoff sein, nicht Geist, nicht Wesen, nicht Leben, nicht Bewusstsein;

nicht Körper, Figur, Form, Bild, Idee, Qualität oder Quantität oder Masse;

Er kann nicht an einem Orte mehr sein als an einem anderen, kann also nicht konturenhaft gesehen oder überhaupt durch abgrenzende Sinne oder Gedanken erfasst werden;

also kann Er auch weder Sinne erregen noch durch Sinne erregt werden, kann überhaupt nicht gestört werden, entzieht sich jeder Ordnung oder Unordnung und schon gar jedem Verstricktsein in materielle Unterscheidungen.

Kein Zufall und keine Beziehung und kein Misslingen kann Ihn je betreffen oder gar Seine Allmacht beschränken, ebenso wenig wie ein Mangel an Licht – und keine Veränderung oder Wandlung oder Entwertung, keine Vernichtung, keine Teilung, keine Entbehrung, kein Abströmen oder was sonst noch dem geschaffenen Bereich der Sinne angehört, hat je bei Ihm Statt.

Dionysius Areopagita (um 500)

Das Wichtige

Wenn man Eckhart im Rahmen einer religiösen und kulturellen Struktur studiert, dann ist er ohne Zweifel verwirrend; aber uns wird das Wichtige, was er zu sagen hatte, vollkommen entgehen, und wir werden uns in Nebensächlichkeiten verlieren.

Wenn wir ihn jenen Zen-Meistern auf der anderen Seite der Erde gegenüberstellen, die wie er sich absichtlich extrem paradoxer Ausdrücke bedienten, dann werden wir in ihm die gleiche Art von Bewusstsein feststellen.

Was immer Zen sein mag, wie auch immer es definiert wird – irgendwie ist es in Eckhart vorhanden.

Thomas Merton in „Weisheit der Stille. Die Geistigkeit des Zen und ihre Bedeutung für die moderne christliche Welt.“ Bern/München/Wien, 1975, S. 21-22

Göttlicher Urgrund

Jede Mystik hat die Einheit zum Ziel, nicht im Sinne eines theoretischen Wissens, sondern in ihrem unmittelbaren Erleben.

Im Zen ist diese Einheit Identität, die schon existiert, bevor man etwas davon weiß, und daher nur zum Bewusstein gebracht werden muss.

Im christlichen Bereich, so bei Eckhart, geht es um die Einheit des Menschen mit Gott; sie kann daher niemals bis zu einer Identität vorangetrieben werden. Aber Eckhart treibt sie soweit voran, wie es gerade noch möglich ist, ohne dass eine Identität behauptet wird.

Fragen wir, wo diese Einheit zwischen Gott und Mensch vollzogen wird, so antwortet Eckhart: Sie vollzieht sich im Seelengrunde, indem der Seelengrund in den göttlichen Urgrund eingeht. So wie das ewige Ich, das noch, bevor Seele und Leib mit ihm verbunden wurden, aus dem göttlichen Urgrund geboren wurde, so muss auch der Geist des Menschen in diesen göttlichen Urgrund zurückkehren.

Hugo Makibi Enomiya-Lassalle (1898 – 1990)