Nicht zweierlei Trank

Kein Gefäß kann zweierlei Trank in sich fassen. Soll es Wein enthalten, so muß man notgedrungen das Wasser ausgießen; das Gefäß muß leer und ledig werden. Darum: sollst du göttliche Freude und Gott aufnehmen, so mußt du notwendig die Kreaturen ausgießen. Sankt Augustinus sagt: „Gieß aus, auf dass du erfüllt werdest. Lerne nicht lieben, auf dass du heben lernst. Kehre dich ab, auf dass du zugekehrt werdest.“ Kurz gesagt: Alles, was aufnehmen und empfänglich sein soll, das soll und muß leer sein. Die Meister sagen: Hätte das Auge irgendwelche Farbe in sich, wenn es wahrnimmt, so würde es weder die Farbe, die es hätte, noch eine solche, die es nicht hätte, wahrnehmen; weil es aber aller Farben bloß ist, deshalb erkennt es alle Farben.

Meister Eckhart

Meister Eckhart und Zen-Buddhismus

Noch zu Lebzeiten kursierte folgender Spottvers über Meister Eckhart:

„Der weise Mystiker Eckehart / will uns vom Nichtse sagen. Doch wer ihn nicht versteht, / Der mag es Gotte klagen …“

Vom „Nichts“ will auch der Zen-Buddhismus „sagen“. Bereits Ende der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts lenkte D.T. Suzuki die Aufmerksamkeit auf die Nähe der Gedankenwelt Meister Eckharts zu der des Mahayana-Buddhismus, besonders des Zen-Buddhismus. So begann der Dialog zwischen westlichen und östlichen Wegen – und er wird heute von vielen Menschen gepflegt und weitergeführt. „Der Weg nach innen ist der Weg nach außen“ – beginnen muss dieser „weglose Weg“ jeweils mit der Selbst-Wahrnehmung. Eckhart würde sagen: „nim din selbes war“

„Zen zu praktizieren bedeutet, das Licht in uns zum Leuchten zu bringen ( …) Wir suchen im Zen nicht die Wahrheit, die uns irgendjemand irgendwo gegeben hat – wir begreifen und verstehen stattdessen: dass die Wahrheit, nach der wir suchen, schon längst in uns brennt wie ein Licht und nur bewusst ‚wahr‘-ge-nommen zu werden braucht. Wir müssen sie nur entdecken.“…  Der Berliner Politikwissenschaftler und Yoga-Lehrer Hans-Peter Hempel zeigt auf, was Zen für die Menschen im 21. Jahrhundert sein kann. Diese Wahrheit hat Eckehart von Hochheim, genannt Meister Eckhart, Jahrhunderte früher aus der Tradition der Mystik inhaltlich sehr ähnlich formuliert. „In uns existiert etwas, das eins ist mit Gott und nicht vereint, deshalb soll der Mensch sich nicht genügen lassen an einen gedachten Gott; denn wenn der Gedanke vergeht, so vergeht auch der Gott. Man soll vielmehr einen wesenhaften Gott haben. Niemals steht ein Unfriede in dir auf, der nicht aus dem Ich kommt, ob man es nun merkt oder nicht. Darum fang zuerst bei dir selbst an und lass dich.“

Seit jeher üben die Worte dieses mittelalterlichen Mystikers eine enorme Faszination auf all jene aus, die auf der Suche nach ihrem individuellen „weglosen Weg“ sind, wie Eckhart es formuliert.

Wer war Meister Eckhart?

Obwohl es eine umfangreiche Forschung zu Meister Eckhart gibt, sind viele Details noch unbekannt. Als sicher gilt wohl dies: Um 1260 geboren, ist Eckhart schon jung mit den Erfurter Dominikanern in Kontakt gekommen. Er studiert in Paris und Köln und wird Prior des Erfurter Klosters. In Köln wie in Paris predigt er immer wieder vor Dominikanerinnen und Beginen. In Paris hat er wohl den „Spiegel der einfachen Seelen“, ein Buch von der Begine Marguerite Porete, zur Kenntnis genommen. Dieses Buch sowie dessen Autorin wurden nach kirchlicher Verurteilung verbrannt.

Von 1303 bis 1311 leitet Eckhart die neu geschaffene Dominikanerordensprovinz Saxonia. Bis 1322 wirkt er als Vikar des Ordensgenerals in Straßburg. Ab 1323 lehrt Eckhart am Studium Generale der Dominikaner in Köln, wo er unter Druck des Kölner Erzbischofs Heinrich von Virneburg gerät. Der lässt die Schriften Eckharts auf ihre »Rechtgläubigkeit« untersuchen. Am 27. März 1329 werden schließlich durch Papst Johannes XXII. 17 Passagen aus den Werken Eckharts als irrig und häretisch verurteilt. Eckhart selbst erlebt dies nicht mehr, er ist im April 1328 verstorben, vermutlich auf dem Weg nach Avignon, wo er sich noch vor dem Papst rechtfertigen wollte. Überliefert sind uns viele seiner Traktate und Predigten, weil Ordensfrauen und Beginen sie mitschrieben und so für die Nachwelt erhielten. Als sicher gilt inzwischen, dass Eckhart viele dieser Texte selbst autorisiert hat. Über lange Zeit war sein Denken durch die Verurteilung des Papstes, die bislang nicht revidiert wurde, einem Mit-Denkverbot unterworfen. Wenn Zitate aus seinen Schriften genommen wurden, ließen die Theologen den Namen Eckharts weg, damit sie nicht ebenfalls in den Sog seiner Verurteilung gerieten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es eine Renaissance der Gedanken Eckharts, belegt beispielsweise durch Erich Fromms Buch »Haben oder Sein«.

Wie seine Schüler Johannes Tauler und Heinrich Seuse steht auch Eckhart in der  Traditionslinie von Platon (ca. 427-347 v.u.Z.), vom spätantiken Philosophen Proklos (311-485 u.Z.), von Plotin (um 205-270 u.Z.) und Dionysius Areopagita (um 550 u.Z.). Aber auch in der von Augustinus (354-430), Dominikus (ca. 1170-1221) und Thomas von Aquin (ca. 1225- 1274). Zeitlich fast parallel dazu waren innerhalb des Buddhismus in Japan die Rinzai-Schule (Eisai /1141-1215) – und die für die Parallelen zu Eckhart bedeutendere Soto-Schule (Dogen / 1200- 1253) entstanden.

Leerheit, Soheit, absolutes Jetzt

Was sind die Themen, um die es Eckhart in seinen Predigten und Traktaten immer wieder geht? Von der „Leerheit“ spricht der Mystiker, von zeitloser Zeit, von der „Ist-heit“, der „So-heit“ und „Wesenheit“, vom „absoluten Jetzt“, vom „Nun“ … Von allen verstanden zu werden, gelingt eher seinem Schüler, dem „Lebemeister“ Johannes Tauler, als dem „Lesemeister“ Eckhart selbst. Dem Vorwurf, schwer verständlich zu sein, begegnete er mit Sätzen wie: „Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, solange wird er diese Rede nicht verstehen.“ Es geht Eckhart nicht nur darum, die Ratio, den Verstand des Menschen zu erreichen. Er will ihm vielmehr den Weg ebnen, sich in seiner Ganzheit und seiner Einheit mit Gott zu erkennen und anzunehmen.

Im Denken seiner Zeit verhaftet, benutzt Eckhart Begriffe wie „Gott“ ganz selbstverständlich. Doch er weitet sie gleichzeitig aus und belässt sie nicht in ihrer von der römischen Kirche dogmatisch geprägten Engführung. Denn wie Dionysius Areopagitas und andere weiß Eckhart um die Bedeutung des Unbeschreiblichen der eigenen Erfahrung. Gegen die festgelegten Ordnungen von Dogmen und Institutionen setzte er die lebendige Erfahrung – nur letztere führt zum Entscheidenden: Alle von Menschen festgeschriebenen Unterscheidungen werden überwunden, und es tut sich die intensive Erfahrung der Einheit des Ichs mit allem Sein auf.

Der Verstand, der nicht versteht

Im Zen geht es ebenfalls darum, sich selbst auf den „weglosen Weg“ zu machen, sich einzulassen auf die Ur-Kraft, die aus der eigenen Erfahrung erwächst: „Sich selbst erfahren heißt, sich selbst vergessen, sich selbst vergessen heißt, sich selbst wahr- zunehmen in allen Dingen. Dieses Erkennen ist das Abfallen von Geist und Körper“, heißt es bei Dogen, dem Zen-Patriarchen. Und Hui-Neng formuliert: „Denke nicht an Gutes, denke nicht an Böses, sondern sieh, was in diesem Augenblick dein eigenes, ursprüngliches Aussehen ist, das du schon hattest vor deiner Geburt“. Negative Aussagen über die Wahrheit sind für diese Tradition typisch. Wenn Ashvagosha von der So-, Ist- oder Wesenheit spricht, ist der Weg nicht weit zu der Tradition der negativen Theologie, die Eckhart teils übernommen hat: „ … das über dem geschaffenen Sein der Seele ist und das kein Geschaffensein rührt, das ja nichts ist“ – über „das“, das zur transzendenten Welt führt, lässt sich kaum anders reden. Wie heißt es doch in dem Zen-Paradoxon: „Der Verstand, der nicht versteht, das ist Buddha. Es gibt keinen anderen“.

„ Wir schauen es, doch sehen es nicht. Es ist unsichtbar. Wir hören es, doch horchen es nicht. Es ist unerhochbar. Wir fassen es, doch erfassen es nicht. Es ist unerfassbar“, hatte Lao-Tse im 14. Spruch des Tao Te King geschrieben. Zen, die Erfahrung des Selbst in seiner Unmittelbarkeit, ist unbeschränkt, offen und weit. Zen überschreitet jene letzten Grenzen, die gesetzt werden, hebt damit die falschen Dualismen zwischen Innen und Außen auf und entzieht sich gleichzeitig allen Versuchen, es in abstrakte Begriffe, in erläuternde Formulierungen oder Redewen- dungen zu bringen, die über das Un-Sagbare der Wahr-Nehmung einen Deckel des scheinbaren Verstehens stülpen.

Zen, die Brücke

»Die Menschen der Zukunft werden „Erwachte“ sein. Dann haben sich Religionen zu Wegen in die Erfahrung der Wirklichkeit verwandelt. Zen kann dabei eine wichtige Rolle spielen, weil es von seinem Wesen her transkonfessionell ist“, sagt der Benediktiner und Zen-Meister Willigis Jäger. Und er begegnet hier Taisen Deshimaru, dessen Fazit lautet: „Durch die Stille, das Ende des Denkens, aller Worte, aller Spekulation, durch das Zur-Ruhe-Kommen des Geistes wird Gott im Menschen immanent. Er kehrt zurück zu  Gott, der Urkraft, es vereinigt sich, was vormals schon eins war.“

„Nim din selbes war“ – das Wort Meister Eckharts lädt ein, sich auf jenen Weg nach innen zu machen, der zum Weg nach außen wird. Eckhart hat – wie auch andere Mystiker – keine konkrete Methode, keine praktischen Vorschläge für die Realisierungen seiner Gedanken gepredigt. Hier kann Zen eine Brücke schlagen. Ganz still- hier und jetzt. Der Politologe und Yoga-Lehrer Hans-Peter Hempel ist davon überzeugt: „Wenn wir alle nur im Verlaufe des Tages ein paar Minuten im stillen Sitzen ‚da‘-sein können, dann reicht das schon aus, um uns unserer Buddhanatur, unseres ureigenen Potenzials bewusst zu werden.“

Werner Anahata Krebber

Literatur:

Deshimaru, Taisen: Die Praxis der Konzentration. Zen und Alltagsleben, Braunschweig 1992

Haas, Alois Maria: Nim din selbes war. Studien zur Lehre von der Selbsterkenntnis bei Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse, Fribourg/CH 1971

Hempel, Hans Peter: Alle Menschen sind Buddha. Der Weg des Zen, Leipzig 2002

Jäger, Willigis: Mystik – Weltflucht oder Weltverantwortung? In: Concilium 30(1994), Heft 4, S. 332-339 (Die Mystik und die Krise der Institutionen)

Krebber, Werner: Erleuchtung im Durchbruch des Nichts. Der Mystiker Johannes Tauler und Zen. Ketzerische Annäherungen an das eigentlich Unbeschreibliche. In: Connection Special Nr. 52 „Buddhismus im Westen“, S. 26-28

Meister Eckharts mystische Schriften. In unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer, Berlin 1920. Bearbeitet und neu herausgegeben von Martin Buber, Reprint Wetzlar 1978

Merton, Thomas: Mystiker und Zen-Meister. In: Weisheit der Stille. Die Geistigkeit des Zen und ihre Bedeutung für die moderne christliche Welt, München 1975

Osho: Meister Eckhart. In: Tanz der Mystiker, Bielefeld 1999, S. 72-73

Ruh, Kurt: Meister Eckhart. Theologe – Prediger – Mystiker, München 1989

Suzuki, Daisetz Taitaro: Der westliche und der östliche Weg. Essays über christliche und buddhistische Mystik, Berlin 1982

Wehr, Gerhard: Die deutsche Mystik. Mystische Erfahrung und theosophische Weitsicht, Bern/München 1991

Aktualisierter Beitrag aus „Connection special 64: Buddhismus als Weltreligion“ März 2003, S. 56-59. Die dort zusätzlich aufgeführten Eckhart-Zitate finden sich hier: http://www.scribd.com/doc/99237/nim-din-selbes-war-Meister-Eckhart-und-ZenBuddhismus

Das Vorwort Gustav Landauers

Mit der Freiheit, die Liebe und Verehrung gibt, habe ich in dieser Ausgabe der Mystischen Schriften Meister Eckharts alles weggelassen, was uns nichts sagt. Meister Eckhart ist zu gut für historische Würdigung; er muss als Lebendiger auferstehen.

Johann Eckhart oder Eckehart ist zwischen 1250 und 1270 wahrscheinlich in Hochheim bei Gotha geboren. Er war Prior des Dominikanerordens in Erfurt und Vikar in Thüringen; 1300 an der Pariser Universität; 1304 Provinzialprior von Sachsen, 1306 Generalvikar von Böhmen, 1314 Magister und Professor der Theologie in Strassburg, später in Köln, 1317 wird er nach Frankfurt versetzt. 1326 leitet der Kölner Bischof v. Ochsenstein den Inquisitionsprozess gegen ihn ein; er appellierte an den Papst und beeilte sich 1327 zu sterben. 1329 erschien eine päpstliche Bulle, in der 26 Sätze Eckharts als ketzerisch verdammt wurden.

Die Lehrer, auf die er sich hauptsächlich stützt, sind: Dionysius Pseudareopagita, Augustinus, Thomas von Aquino; vermutlich hat er auch die verbotenen Schriften des Scotus Erigena gekannt. Durch Dionysius berührt er sich mit den Lehren der Neuplatoniker. Thomas und der ganze Geist seiner Zeit verbindet ihn mit den „Realisten“, so dass er wie sie die letzten und leersten Abstrakta für konkrete Dinge hält. Anderseits bringt ihn aber das auch dazu, die Gattung und Art als eine höhere Wirklichkeit anzusehen als die Individuen; so hat er starke Vorahnungen — trotz ganz primitiver Naturkenntnisse — der Theorien, die teils infolge, teils entgegen den Lamarck-Darwinschen Aufstellungen bei uns im Werden sind.

Er ist ebensosehr Erkenntnistheoretiker und Kritiker als Mystiker. Er ist Pantheist, aber fast im umgekehrten Sinne als das, was man seit Spinozas Wiedererweckung darunter versteht. Dieser letztere Pantheismus löst — nicht im Sinne Spinozas freilich — den Gottesbegriff in der materiellen Welt auf; Eckhart dagegen löst die Welt und den Gott in dem auf, was er manchmal Gottheit nennt, was unaussprechbar und unvorstellbar ist, was aber jedenfalls etwas jenseits von. Zeit, Raum und Individualisierung und etwas Seelenhaftes ist. An die Stelle des Dinges setzt er eine psychische Kraft; an Stelle von Ursache und Wirkung ein Fliessen. Sein Pantheismus ist Panpsychismus; zugleich aber erklärt er, nicht zu wissen, was die Seele sei. Seine Mystik ist Skepsis; freilich aber auch umgekehrt.

Die christlichen Dogmen und Ueberlieferungen haben für ihn fast nur symbolische Bedeutung; nur erlaubt es ihm der Zeitgeist nicht zu fragen, wie es, mit dem Verhältnis dieser Symbole zur Wirklichkeit bestellt sei. Die in der Kirche üblichen Vorstellungen betrachtet er als einer niedrigeren Stufe angehörig; aber es gelingt ihm nicht zu erkennen, dass diese Vorstellungen überhaupt keine Realität haben; vielleicht wird die Zukunft von unserm Verhältnis zu gewissen wissenschaftlichen Begriffen einmal dasselbe sagen. — Manchmal übrigens hat auch — wie wohl noch später bei Spinoza — die Vorsicht seine Einkleidung wählen helfen.

Er ist der Schöpfer der deutschen wissenschaftlichen Prosa und einer ihrer grössten Meister. Immer schreibt er als Sprechender, immer persönlich; nie fehlt der begrifflichen Darlegung der Gefühlston, und ebensowenig seinem Gefühlsüberschwang und seiner Versenkung ins abgründlich Dunkle der Zügel der Nüchternheit. Das Fernste hat er uns nah gebracht; das Nächste und gewöhnlich Scheinende hat er uns entfremdet, fragwürdig gemacht und vertieft. Er war ein Dichter, der aufs grösste aus war und dem grössten gewachsen. Perioden findet man bei ihm, die zum Hinreissendsten gehören, was irgend in Sprachen zu finden ist.

Seine Syntax, die er sich vermutlich vielfach im Anschluss an die gesprochene Sprache selbst geschaffen hat, habe ich nach Möglichkeit beizubehalten gesucht; ebenso wäre es verfehlt, an Stelle seiner technischen Ausdrücke, die er nach dem Muster lateinischer Scholastik hergestellt hat, die uns geläufigen blutlosen Wissenschaftsausdrücke zu setzen; bei ihm hat alles Farbe, Temperament, Ursprünglichkeit; seine Ausdrücke sind des Metaphorischen noch nicht entkleidet, sind noch nicht ausgelaugt; sie schaffen sich ihren Sinn erst während der Rede. Vielfach aber war es doch wieder nötig, die von ihm aus der Sprache der Wissenschaft in die Volkssprache übersetzten Termini wieder zurückzuübersetzen, damit das scharf in die Augen springt, was mich an dieser Ausgabe das Entscheidende dünkt: dass Meister Eckhart in all seiner Genialität nie ein mystizierender oder moralisierender Pietisterich war, dass er sich nie süsslicher Gottesminne ergeben hat, dass er nie perverser Askese gefröhnt hat: sondern dass er ein kühner Erschütterer war, der Hirne wie der Herzen, einer, der um die Welterkenntnis gerungen hat und der, lebensfreudig und urkräftig, die Grenzen der Sprache als ein Wissender überschritt, um jenseits seines Ichbewusstseins und des Begriffsdenkens stark und innig in der unsagbaren Welt zu versinken.

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Das allermeiste, was von ihm überliefert ist, ist für uns völlig wertlos geworden, da es nur logisches Wortgetiftel ist, das damals die Naturwissenschaft ersetzen musste, weil es an Beobachtungen und Kenntnissen fehlte. Wenn man bedenkt, wie viele angeblich philosophische, naturwissenschaftliche, medizinische Bücher aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts uns völlig unlesbar und Theologie geworden sind, wird man das besser verstehen, als wenn man glaubt, die Scholastik sei eine Spezialität des Mittelalters gewesen. Die folgende Auswahl bietet also etwa den fünften oder sechsten Teil dessen, was auf uns gekommen ist. Nichts, was Bedeutung hat, ist weggelassen.

Die Abteilung: Fragmente habe ich selbst geschaffen; es sind Bruchstücke aus Predigten, die im übrigen die Uebertragung nicht lohnten. — Die Titel der einzelnen Stücke stammen meist von mir; die mittelhochdeutsch überlieferten dürften auch nicht von Eckhart selbst gewählt sein.

An dieser Stelle philologisch über meine Weglassungen und Textauslegung Rechenschaft zu geben, ist nicht meine Absicht, weil es für den Leser keinen: Wert hätte. Wer meine Uebersetzung kritisch prüfen will, kann von mir Auskunft erhalten.

Eine ausführlichere Einleitung wäre entweder nur eine geschickte Gruppierung dessen, was in längst vorhandenen Werken zu lesen ist; oder sie wüchse sich zu einer Geschichte der Erkenntniskritik des Mittelalters aus. Das könnte ein wunderschönes Buch werden, das sehr not tut; aber zunächst kann ich nur wünschen, dass ich es einmal schreiben werde. Dem Leser empfehle ich einstweilen, Jundts „Histoire du panthéisme populaire au moyen âge“ zu lesen; daraus wird er erfahren, dass unser Meister nicht vom Himmel gefallen ist, sondern von einer starken Zeitströmung getragen wurde.

Das Vorwort von Gustav Landauer erschien in der 1903 erschienenen Ausgabe von „Meister Eckharts Mystische Schriften“ ebenso wie in der von 1920.