Predigt Eins – optisch

Weg ohne Weg

Meister Eckharts Weg ist kein Weg, sondern „ein Weg ohne Weg“, „eine Weise ohne Weise“, wie er selber immer wieder betont. Auch kennt er keine eigentliche Stufenlehre. Damit relativiert und befragt sein Ansatz unser Bedürfnis nach „spirituellen Wegen“ und unsere menschlichen Weg-Konstruktionen.

Seine Gedankenführung ist streng. Er fordert ein differenziertes Denken und eine gewisse intellektuelle Anstrengung, die heute im Bereich der Spiritualität nicht schaden kann. Erfahrung und Vernunft, Leben und Denken gehören zusammen.

Er beschreibt Selbstfindung als eine Selbstrelativierung und leistet so einen Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion über Individualität und Ich-Kult.

Die Nähe seiner Gedanken zu östlichen Spiritualitäten macht ihn seit Jahrzehnten zu einem wichtigen Gesprächspartner im interreligiösen Dialog.

Vier Motive möglicher Aktualität von Jörg Welter, Weg ohne Weg – Zur Aktualität von Meister Eckharts spirituellem Weg. In: Leutwyler/Nägeli, Spiritualität und Wissenschaft. Zürich 2005, S. 153/154

Lebe- vs. Lesemeister

Titelei einer Ausgabe mit Predigten von Meister Eckhart

Lehre vom „verborgenen Ich“

Mit der Lehre vom verborgenen Ich wird das Personensein des Menschen sehr stark betont: Es ist ja zuerst, sogar von Ewigkeit da. Das hat nun aber für die Mystik große Bedeutung, insofern nämlich, als dadurch die unmittelbare Beziehung der Person zu Gott im Gegensatz zu der im Mittelalter ganz im Vordergrund stehenden liturgisch-kirchlichen Verbindung zwischen Gott und Mensch betont wird, wenn diese damit auch nicht geleugnet zu werden braucht.

Hier liegt die Wende zur selbstbewussten persönlichen Frömmigkeit, der devotio moderna, die eben mit Eckhart einsetzt und bei den Reformatoren zur einzigen Beziehung zwischen Mensch und Gott unter prinzipiellem Ausschluss der liturgisch-kirchlichen erhoben wurde. Die neue Lehre Eckharts hat der devotio moderna einen starken Auftrieb gegeben, und damit auch der Mystik, die den Höhepunkt der unmittelbaren Beziehung zwischen Gott und Mensch darstellt.

Hugo Makibi Enomiya-Lassalle (1898 – 1990)

Die Namen Meister Eckharts

„Hochmetaphysisch“

Eckhart ist sehr häufig hochmetaphysisch, und man fragt sich verwundert, wie seine Zuhörerschaft seine Predigten aufnahm – eine Zuhörerschaft, von der man annimmt, dass sie recht ungelehrt war, des Lateinischen ebenso unkundig wie all der lateinisch geschriebenen Theologien. Das hier vorliegende Problem des Seins und Gottes, der die Welt aus dem Nichts schafft, muss sie doch heftig in Verlegenheit gebracht haben. Selbst die Gelehrten mögen festgestellt haben, dass Eckhart über ihr Begreifen hinausging, zumal wir wissen, dass sie mit Erfahrungen, wie Eckhart sie hatte, nicht gerade gesegnet waren. Denken allein oder logisches Folgern wird Probleme von tiefer religiöser Bedeutung niemals erfolgreich lösen können.

Eckharts Erfahrungen wurzeln tief in der grundlegenden, überwältigenden Erfahrung Gottes als Sein, das Sein und Nicht-Sein zugleich ist: er sieht im „geringsten“ Ding unter Gottes Geschöpfen alle Herrlichkeit seiner Ist-heit.

D.T. Suzuki in „Der westliche und östliche Weg“